Rebekka empfiehlt

Der Frühling, der Winter, der Detektiv und das Licht

Stichworte:

10. April 2019

Wahnsinn! Was für eine rasante Geschichte! Ich bin hin und weg und kann kaum den 2. Teil erwarten! Und alle Charaktere sind sowas von liebenswert und hassenswert und ich bin total reingekippt und die Welt ist phänomenal beschrieben und und und… Ich krieg mich nicht mehr ein!

Aber zurück zum Anfang dieses Lesejahres. Die Wehen des Umbaus und des Weihnachtsgeschäfts klingen langsam ab und die fröhliche Vertreterparade ist auch schon vorbei. Jetzt müsste man doch denken, dass für uns Buchhändler die ruhige Zeit beginnt. Dem ist nur bedingt so. Die Frühjahrsneuerscheinungen sprudeln wie ein Wasserfall über uns herein und wir können uns kaum entscheiden, was wir als erstes lesen. Mein Turm der „will ich unbedingt lesen und rezensieren“-Bücher wird immer höher und höher und Bücher, die ich gerne lesen würde, weil ich zwischendurch nun mal auch was „nur zum Spaß“ lesen mag, versauern am Fuße des Turms, weil der natürlich nach Priorität nach oben gestapelt wird. Oben auf dem Turm sitzt eine Plüschtierausgabe von Greebo, Nanny Oggs Katze (siehe Terry Pratchett – Mein alltime Favorite ) und grinst mich blöde an, während ich mich durch Thore D. Hansens „Die Reinsten“ durchquäle. Veröffentlicht von einem meiner Lieblingsverlage, „Golkonda“, ist das Buch vor allem aus Lektoriatssicht eine herbe Enttäuschung. Nicht nur Rechtschreib- und Grammatikfehler machen das Lesen zur Qual, auch die unlogischen Dialogsprünge und Stilwechsel erschweren den Genuss. Der Grund, warum ich das Buch trotzdem bis zum Ende durchgeackert habe, ist dass ich schlicht und ergreifend wissen wollte, wo Thore D. Hansen mit uns hin will. Die titelgebenden Reinsten sind eine Superrasse im Jahr 2191, die sich der KI Askit verschrieben hat um gemeinsam mit dem Supercomputer die Welt nach einer Umweltkatastrophe zu retten. Soweit so Klischee, denn natürlich ist Askit keine Heilsfigur und natürlich beginnen Protagonistin und Konsorten zu zweifeln, natürlich ist Paradise nicht das Paradies, natürlich ist es nicht supertoll seine Gefühle von Drogen kontrollieren zu lassen. Dennoch versucht sich Thore D. Hansen an einem neuen Ansatz, der leider nicht ganz so fruchtet und um Spoiler zu vermeiden, werde ich hier auch nicht weiter ausführen, wie genau dieser Ansatz aussieht. Enttäuscht war ich am Ende trotzdem. Für Dystopie-Fans und Umweltkritiker eignet sich das Buch ausgezeichnet, über die oben erwähnten Lektoriatsfehler muss man halt großzügig hinwegsehen.

Soviel zu meiner persönlichen Enttäuschung des Frühlings. Nun zu den Toptiteln aus meiner Sicht:

Vielrezensiert und zur Genüge (und zu Recht hoch) gelobt, stellt sich hier der neue T.C. Boyle natürlich nach vorne. Und bevor ich nur wiederhole, was viele vor mir schon gesagt und geschrieben haben, sollt ihr nur wissen, das ich den Roman „Das Licht“ großartig finde. Gut recherchiert, sprachlich wie gewohnt top und einwandfrei übersetzt. Ich bin begeistert. Nur das Cover nervt und irritiert. Aber das macht das Buch ehrlich gesagt nur noch besser.

Derzeit lese ich – nicht ganz uneigennützig – „Ein perfider Plan – Hawthorne ermittelt“ von Anthony Horowitz. Wenn man Horowitz kennt, weiß man, dass man sich auf skurrilen britischen Humor und ungewöhnliche Kriminalgeschichten einlässt und genau das erwartet euch auch in seinem neusten Roman. Der Autor selbst ist es nämlich, der den wirklich komplett unsympathischen Privatdetektiv Hawthorne im Mordfall um Diane Cowper begleitet. Und obwohl der Autor immer wieder darauf hinweist, dass es sich hier um eine Detektivgeschichte handelt, erzählt er bald mehr über sich selbst als über den Detektiv. So wird der Mord eigentlich zur Rahmenhandlung seiner Freundschaft zum rauchenden Rassisten Hawthorne und schmuggelt sich so mit dem ersten Band geschickt selbst ins Rampenlicht – ganz im Stile seines Vorbilds, Sir Arthur Conan Doyle. Die bissigen Kommentare zur Hollywood-Maschinerie und die wenig ernst gemeinten Kritiken an der britischen Gesellschaft tun das ihrige dazu und schon hat man einem amüsanten Krimi für zwischendurch. Empfehlenswert für alle Sherlock-Fans, Pater-Brown-Fans, Agatha-Christie-Fans, Cumberbatch-Fans, Whovians, Britophile und Brexit-Gegner. Auf jeden Fall lesenswert.

Und nun zum Highlight der Frühlings – und von mir aus auch des Sommers, des Herbstes und des Winters. „Die Verlobten des Winters“ ist der erste Band der „Spiegelreisenden-Reihe“ von Christelle Dabos und ist nun endlich auf Deutsch erschienen. In Frankreich längst ein Phänomen wird sie es auch bei uns weit bringen. Die Charaktere sind sympathisch und die Sprache knackig. Und obwohl die ganze Welt im ersten Ban erklärt werden muss, wird es nie langweilig. Das letzte Mal, dass ein Buch so eine Sogwirkung auf mich hatte ist knackige 20 Jahre her und nannte sich „Harry Potter“. Und das schreibe ich nicht nur, weil der Verlag mit genau diesem Vergleich wirbt. Zwar findet der eine oder andere Fantasy-Fan Parallelen zu Fernsehserien oder anderen Romanen, allerdings gelingt es Christelle Dabos wunderbar jeglichen Verdacht dieser Art schlussendlich zu zerstreuen. Lesen sollten das alle Jugendliche und junge Erwachsene, die (wie auch ich) mit dem derzeitigen Mainstream-Fantasy nicht so zufrieden sind. Endlich eine Heldin, die kein Love Interest braucht, um sich zu behaupten (trotz des Titels), endlich Bösewichte, die so böse gar nicht sind, endlich Fantasy für Mädels und Burschen ohne Klischees, endlich wieder ein Fantasybuch, das für alle geschrieben ist. Ich kann es nur immer wieder sagen: Ich kann kaum den 2. Teil erwarten!

Natürlich habe ich seit Jänner nicht nur 4 Bücher gelesen! In Wirklichkeit sind es viel mehr. Allerdings sind diese 4 die erwähnenswertesten bis jetzt. Und wenn euch die restlichen interessieren, kommt doch vorbei und lasst euch beraten. Dann finde ich sicher auch eure Top3 für dieses Frühjahr.

Die Reinsten
Thore D. Hansen

Das Licht
T. C. Boyle

Ein perfider Plan
Anthony Horowitz